Muss der Text des Vater Unsers geändert werden?

…und führe uns nicht in Versuchung!

Täglich beten Christen diese Zeile des Vater Unsers, doch nun ist sie ins „Gerede“ gekommen. Papst Franziskus hat vorgeschlagen, diese Worte zu ändern, denn sie transportierten ein falsches Gottesbild. „Es ist nicht Gott, der uns in Versuchung führt, sondern der Teufel.“ Darum sei die gewohnte Formulierung „keine gute Übersetzung“. Der Papst schlägt vor, stattdessen zu beten: „…und lass uns nicht in Versuchung geraten.“

Andere Vorschläge, die von katholischen Theologen gemacht wurden, lauten: „Führe uns in der Versuchung…“ oder „Führe uns durch die Versuchung hindurch…

Ist es denn wirklich Gott, der uns in Versuchung führt? Ist es der Vater selbst, der uns auf die Probe stellt? Oder ist es – wie Papst Franziskus sagt – der Teufel? Die Autoren der Bibel sind sich in dieser Frage nicht ganz einig: „Gott versucht niemanden, und er kann auch selbst nicht versucht werden.“ steht in dem neutestamentlichen Brief, der dem Apostel Jakobus zugeschrieben wird. Fast immer ist es also der Teufel, der Satan oder der „Versucher“, der die Menschen verführen will.

Gott lässt aber die Versuchung zu; vom ersten Buch der Bibel an, wo beschrieben wird, wie die Schlange Eva und Adam verführt, von der verbotenen Frucht zu essen, bis hin zu der Geschichte im Evangelium, in der Christus selbst von dem Teufel versucht wird, aus Steinen Brot zu machen und sich vom Dach des Tempels in Jerusalem zu stürzen, um unbezweifelbar zu beweisen, dass er wirklich Gottes Sohn ist – immer wieder werden Menschen auf die Probe gestellt und müssen ihre Treue zu Gott beweisen.

Eindrücklich und zugleich bedrückend ist wohl vor allem die Erzählung von der Versuchung Abrahams, der sich von Gott aufgefordert sah, seinen Sohn Isaak auf dem Berg Morijah als Brandopfer zu verbrennen. Tagelang ziehen Vater und Sohn auf dem Weg zu diesem Gebirge; Isaak hilft noch selbst bei der Vorbereitung des Ritualmordes mit, indem er das Feuerholz trägt; und erst im allerletzten Moment greift Gott in der Gestalt eines Engels ein und fällt Abraham in den Arm mit dem blitzenden Messer: „Nun sehe ich, dass Du Gott fürchtest, denn du hast mir deinen Sohn, deinen einzigen, nicht vorenthalten…

Vielleicht beginnt die Frage nach dem Sinn dieser Bitte im Vater-unser-Gebet tatsächlich mit der Frage nach der richtigen Übersetzung: Das hebräische Wort, das Luther hier mit Versuchung übersetzt, lautet „nasā“ und ist eigentlich ein Begriff aus der Rechtssprache. Es hat die ursprüngliche Bedeutung von: jemanden zu einem Rechtsstreit herausfordern, jemanden vor ein Gerichtsverfahren ziehen und ganz allgemein auch: Jemanden einer Prüfung unterziehen.

In diese Richtung geht auch die Bedeutung des griechischen Wortes „peirasmos“, wie es im Vaterunser verwendet wird. Es kann sowohl prüfen als auch versuchen (im Sinne von: Zur Sünde verführen) heißen.

Es scheint also den biblischen Autoren nicht zuerst darum zu gehen, Gott als Verführer darzustellen, der nur zu gern seine Geschöpfe bei einem Fehler auf frischer Tat ertappen möchte. Natürlich sind die Texte nicht ganz eindeutig, widersprechen sich wohl auch, je nach der ihnen zugrunde liegenden Theologie. Trotzdem: Gott will nicht Menschen zum Bösen verführen. Es geht auch fast immer nicht um einer Art „Treuetest“, wie sie eine Zeit lang in den Fernseh-Realityshows am Nachmittag zu sehen waren, wo Männer in Cafés oder Kneipen von einem „Lockvogel“ verführt wurden, Handynummern auszutauschen oder flüchtige Küsse zu wechseln.

Warum stellt dann aber Gott den Baum mit der verbotenen Frucht in die Mitte des paradiesischen Gartens? Warum lässt er zu, dass Abraham seinen Sohn fesselt und auf den Altar mit dem Feuerholz legt, das Messer in der zitternden Hand? Warum muss sogar Jesus selbst am Tag vor seiner Kreuzigung Blut und Wasser schwitzen im Garten Gethsemane?

Vielleicht werden diese Versuchungsgeschichten in der Bibel als Warnung und Mahnung erzählt, nicht die Anfälligkeit der menschlichen Natur zu vergessen und ihre Neigung, sich so furchtbar leicht verführen zu lassen zu Handlungen, die nicht wirklich der eigenen moralischen Haltung entsprechen. Vielleicht geht es darum, sich in die Menschen, von denen dort berichtet wird, hineinzuversetzen und sich zu fragen: Was hättest du getan?

In vielen Gebeten und Liedtexten der Kirche wird auf die Schwachheit des menschlichen Charakters hingewiesen, zusammen mit der Mahnung, sich nicht leichtfertig selbst in Situationen zu bringen, in denen die eigene Integrität auf die Probe gestellt wird: „Seid nüchtern, seid wachsam! Euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlingen kann. Widersteht ihm, bleibt fest im Glauben!

„Du kannst nicht verhindern, dass die Vögel über dein Dach fliegen; du kannst aber sehr wohl etwas dagegen tun, dass sie Nester auf Deinem Schornstein bauen.“ lautet eine populäre Metapher, mit der diese Mahnung einprägsam formuliert wurde. Und geradezu klassisch ist auch der Sinnspruch, der angeblich aus dem jüdischen Talmud stammen soll: „Achte auf Deine Gedanken, denn sie werden Worte. / Achte auf Deine Worte, denn sie werden Handlungen. / Achte auf Deine Handlungen, denn sie werden Gewohnheiten. / Achte auf Deine Gewohnheiten, denn sie werden Dein Charakter. / Achte auf Deinen Charakter, denn er wird Dein Schicksal.“

So gesehen ist es nicht Gott, der uns in Versuchung führt; es ist aber auch nicht der Teufel, es sind vielmehr die Menschen selbst, die sich in Situationen bringen und bringen lassen, in denen Glaubensstärke und Treue gefragt sind.

Wo ich mir so meiner eigenen Schwachheit bewusst werde, kann ich wohl aus vollem Herzen beten: „…führe mich nicht in Versuchung!“

Der amerikanische Schriftsteller Mark Twain beschreibt in seiner humorvollen Kurzgeschichte „Der Mann, der Hadleyburg verdarb“, wie verführerisch eine Versuchung sein kann: Ein Mann kündigt an, einem der Bewohner der Kleinstadt eine beträchtliche Geldsumme zu vererben – wenn derjenige beweisen kann, dass er eben diesem Mann vor vielen Jahren aus einer Not geholfen hat. Zu diesem Zweck schreibt er einen Satz auf ein Blatt, das in einem Umschlag verschlossen ist. Er hinterlegt diesen Brief beim Bürgermeister der Stadt und reist wieder ab. Mit vielfältigen, gut ausgedachten Tricks und Finten versucht nun ein Bewohner nach dem anderen herauszufinden, wie das wertvolle Passwort lautet, um das Geld zu bekommen… und am Schluss steht die ganze Bevölkerung Hadleyburgs ziemlich blamiert da.

Ich kann der Versuchung nicht immer ausweichen. Sie gehört ebenso zur menschlichen Natur wie zum Wesen der Welt. In einem gewissen Sinn wird die Welt ja auch erst durch die Möglichkeit, Fehler zu machen oder Umwege zu gehen, interessant. Prüfungen und Widerstände stärken den Charakter; und wenn es nicht geradezu in ein Leben am Rande des Abgrunds ausartet, macht es auch Spaß, die eigenen Grenzen auszutesten und zu erforschen. Jugendliche wehren sich ja genau aus diesem Grund gegen die moralisierenden Regeln ihrer Eltern und Großeltern, weil sie ihre eigenen Fehler machen müssen und selbst sehen müssen, dass sowas von sowas kommt.

Aber ich kann darum beten, in der Versuchung nicht zu fallen und den Weg völlig zu verlieren. So wie Kinder gern auf Mauern balancieren, um ihre Schwindelfreiheit zu testen, und dabei sich doch auf die Hand ihrer Eltern verlassen, die sie im Notfall auffängt, so vertraue ich doch auf die Nähe Gottes, gerade, wenn ich mich wieder einmal dem „brüllenden Löwen“ stellen möchte.

Muss also nun das Vater unser geändert werden? Ich denke nicht. Ich werde weiter so beten wie gewohnt.

Aber ich bin dem Papst dankbar für die Anregung und den frischen Wind, den er mit seiner Frage in den europäischen Blätterwald gepustet hat: Lange schon ist nicht mehr so viel und von so vielen über das wichtigste Gebet der Christenheit nachgedacht und diskutiert worden – selbst von Christinnen und Christen nicht. Und wenn wir uns nun ein bisschen mehr darüber klar geworden sind, was wir da eigentlich beten – dann hatte die ganze Aufregung einen guten Sinn.

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