Was mir fehlte, war eine Berufung…

 

Ich bin von Bischof Martin Kruse zum Pfarrer ordiniert worden. Davor habe sechs Jahre Theologie studiert, zuerst drei Jahre in Berlin an der Kirchlichen Hochschule, dann drei Semester in Tübingen, und dann noch einmal drei Semester hier in Berlin zur Vorbereitung auf das Examen. Danach war ich Vikar in der Kirchengemeinde Lichtenrade und am Lindenthal-Gymnasium in Steglitz.

Als ich mit meinem Studium begonnen habe, war ich mir nicht sicher, ob es für mich richtig ist, Pfarrer zu werden. Meine Interessen lagen damals eher im Bereich der Naturwissenschaften, ich hatte beim Abitur Mathematik und Physik als Leistungskurs gewählt und hatte immer davon geträumt, einmal Physiker zu werden.

Es waren meine Eltern, die mich dann auf die Idee brachten, mit dem Theologiestudium zu beginnen. Zwar fand ich das Studium anregend und interessant, aber ich war mir auch nach dem sechsten Semester noch unsicher, ob ich wirklich eine Gemeinde leiten und in ihr Predigen sollte.

Was mir fehlte, war eine Berufung. Ich wartete habe darauf gewartet, dass Gott mir in irgendeiner Weise mitteilt, dass er diesen Weg für mich ausgesucht hat, dass er mich als Pfarrer in seiner Kirche haben will.

In der Bibel fand ich so viele Geschichten, wie Gott Menschen in seinen Dienst beruft; Geschichten darüber, wie er Moses im brennenden Dornbusch erscheint, wie er Samuel mit hörbarer Stimmer ruft, wie Jesus Petrus und die anderen Jünger beauftragt, wie Paulus vor Damaskus geblendet von seinem Reittier fällt. Propheten wie Jesaja haben sogar geschrieben, dass die den Ruf Gottes fast wie einen Zwang empfunden haben, sie sind krank geworden, als sie sich ihm entziehen wollten.

Alles das hatte ich bis dahin nicht erlebt. Ich wartete auf eine Begegnung, ein Erlebnis, wenigstens einen Traum oder etwas ähnliches, dass mich davon überzeugen könnte, dass ich einen göttlichen Auftrag habe, Pfarrer zu sein.

Um es kurz zu machen: Ich habe nie ein solches Erlebnis gehabt. Kein Licht vom Himmel, kein Engel ist mir erschienen, ich habe nicht erlebt, dass der Geist Gottes wie eine Feuerflamme auf mich herabgeschwebt kam.

Und doch glaube ich, dass ich berufen bin; ich bin überzeugt, dass Gott mich als Verkünder seines Wortes haben will. Bischof Kruse hat damals in dem Ordinationsgottesdienst gesagt, dass die Ordination dem Glauben des Pfarrers helfen kann. Wenn er an sich zweifelt, an seinem Auftrag, an seiner göttlichen Berufung, dann kann er sich jenen Moment vor Augen halten, als ihm vor der versammelten Gemeinde dieses Wort ans Herz gelegt wurde: Siehe, in Zukunft wirst du Menschen fangen…

Bei meiner Ordination habe ich versprochen, das Wort Gottes zu predigen, seine Barmherzigkeit und seine Gnade zu verkünden, so wie es in den Bekenntnisschriften der Kirche steht: Allein durch Christus, allein durch Glauben, allein durch die Gnade Gottes werden wir gerecht.

Macht mich meine Berufung zu einem „besonderen“ Menschen? Nein, nicht im Mindesten. Viele Gemeindeglieder erwarten zwar von ihrem Pfarrer oder von ihrer Pfarrerin Besonderes – besonders fromm, besonders geduldig, besonders gläubig sollte er sein; irgendwie „anders“, auch wenn dieses Anderssein kaum jemals konkret beschrieben wird. Ich kenne viele Pfarrerinnen und Pfarrer und kann ihnen versichern – da „menschelt“ es genau so wie überall. Wir sind kein bisschen „heiliger“ als andere Christenmenschen.

Der einzige Unterschied ist, dass ich frei gestellt bin, zu forschen, zu beten, zu lesen, Theologie zu treiben – und um Seelsorger, zum Lehrer des Wortes Gottes, zum Prediger gewählt wurde.

Aber ich bin es nicht allein: Jedes Gemeindeglied ist dazu berufen, den anderen Vorbild und Lehrer zu sein; sie sind dazu berufen und dazu berechtigt, darüber zu sprechen, was Sie im Glauben als richtig erkannt haben. „Prüft alles, und das Gute behaltet!“ So werden wir von den neutestamentlichen Zeitzeugen aufgefordert – gelten wird nicht das Wort eines Einzelnen, sondern das, was die Gemeinde gemeinsam bekennt.