Aschermittwoch – der Blinde von Jericho

Es beginnt wie einem Film. Die Sonne brennt herab auf eine staubige Straße. Sie führt durch das kleine Dorf und dann weiter durch eine Reihe anderer kleiner Dörfer bis zur Hauptstadt Jerusalem. Die Straße ist menschenleer. Nur ein Bettler sitzt im Schatten einer kleinen, zerbröckelnden Mauer; seine blinden Augen sehen ins Nichts. Mit ein paar schwarzen Fetzen hat er sich notdürftig bedeckt. Fliegen summen um ihn herum, ab und zu muss er eine besonders Freche von seiner Nase wischen. Sonst ist alles still. Sogar die Zikaden sind müde.

Später bellt ein Hund, ein Esel schreit, weit weg auf der Straße kommt eine Gruppe von Wanderern auf das Dorf zu. Mit den scharfen Ohren des Blinden hört er die vielen Schritte schon lange, bevor sie dem Hund auffallen. Aus einem der Häuser des Dorfes tritt ein Mann, der Blinde kennt seinen Schritt: „Amos, wer kommt?“ fragt er. „Keine Ahnung,“ knurrt der Mann, der sich die Hand an die Stirn hält, um in der gleißenden Sonne besser sehen zu können, „aber es sind viele.“ Die beiden Männer warten. Sie haben Zeit.

Nach eine Weile wischt sich Amos den Schweiß aus der Stirn. „Es ist dieser Wanderprediger, glaub ich…“ sagt er dann. „Jehoschua, aus Nazareth. Früher war er Zimmermann. Guter Mann. Machte ordentliche Arbeit. Aber dann ist er irgendwann durchgedreht und glaubt nun, Gott selber hätte ihn zum Prediger berufen. Ich habe gehört, dass er sich hier in der Gegend herumtreibt…“ „Jesus?“ sagt der Blinde. Nach einer Weile knurrt der andere: „Ja, der ist es. Ich erkenne ihn jetzt; es ist dieser Wunder-Rabbi aus Nazareth. Und dazu ein ganzer Haufen Leute um ihn herum…“
„Hol ihn her!“ sagt der Blinde. – „Was? Was willst Du von dem?“ – „Vielleicht kann er mich gesund machen.“ – „Der?“ Amos schnaubt verächtlich. „Eher werden die blöden Fliegen auf deiner Glatze dich heilen. Das ist doch ein Schwätzer, wie alle anderen auch.“ Brüsk dreht Amos sich um, geht ins Haus und knallt die Tür hinter sich zu. Sein Vater hatte einmal die Tempelsteuer nicht bezahlen können, da hatten sie ihn in den Turm von Jerusalem gesperrt, und seitdem wollte Amos von den Frommen nichts mehr wissen.

Der Blinde wartet. Als er die Schritte näher kommen hört, ruft er: „Jesus, erbarme Dich über mich!“ Die alten Worte, die Bettler seit Jahrhunderten rufen: „Erbarmen! Gnade!“ Wie oft werden diese Bitten überhört! „Jesus, Sohn Davids, höre mich an!“ Die Schritte gehen vorbei. Andere Menschen kommen und gehen, und der Blinde ruft lauter: „Jesus! Erbarmen! Höre!“  Unfreundliches Gemurmel ist die Antwort. „Sei still! Stör ihn nicht…“ zischelt es um den Blinden herum. „Wo kommen wir denn da hin…“ – „Jetzt will schon dieses blinde Geschmeiß…“ – „Was bildet der sich ein?“

Der Blinde hört nicht hin, diese Worte kennt er, er hat sie sein ganzes Leben lang immer wieder gehört. So laut er kann, schreit er jetzt: „Jesus, höre, erbarme dich! Gnade, Sohn Davids!“ Zwei Füße treten mit müdem Schritt vor ihn hin, bleiben vor ihm stehen. Er hört einen Menschen atmen. Er riecht den Gestank eines Körpers, der schon Stunden unter der Wüstensonne schwitzt. Er hört ein weites Gewand rascheln, wie es die Beduinen tragen.

Der Fremde, Jesus, spricht zu ihm: „Was soll ich für dich tun? Was willst du?“ Der Blinde hört, wie die Menschen um ihn herum auf einmal still werden. Gespanntes Warten. Neugier. Auf einmal wird er unsicher.

Was soll er sagen? Es ist fast wie in einem Märchen: Die gute Fee sagt ihm: Einen Wunsch hast Du frei… Sag nur, was du willst… Alles – ALLES ist möglich… Was hätte ich gesagt?

Soll er sagen: „Gib mir zu essen! Gib mir Geld!“? Hofft er, durch Jesus irgendwie von Gott ernährt und versorgt zu werden? Fern liegt das nicht: Er kann ja nicht arbeiten, der Blinde, er ist sein Leben lang auf die Barmherzigkeit seiner Mitmenschen angewiesen. Will er, dass sich das ändert? Dass er frei und selbstständig sein kann? Ernährt durch seiner eigenen Hände Arbeit? Will er eine Art Wunder von Jesus? Vorstellbar, glaubwürdig wäre das. Aber er erwartet noch viel mehr, eigentlich ganz anderes von ihm…

Soll er sagen: „Nimm mich mit! Hol mich heraus aus diesem gottverlassenen Dorf, in dem es keine Zukunft gibt, für mich nicht, für Amos nicht, für niemanden…“ Ein Dorf, in dem die Zeit stehen geblieben ist? Ein Ort, an dem sich seit Jahrzehnten nichts mehr entwickelt hat, das wie in einem tiefen Schlaf liegt? Wäre es nicht erstrebenswert, ein solches Kaff verlassen zu können?

Aber was sollte – auf der anderen Seite – jemand wie Jesus mit einem blinden Taugenichts wie ihm anfangen? Wird ihn ein Blinder nicht nur behindern auf seinen Wanderungen? Ein Mann, der weder mit der Wüste noch mit dem Meer Erfahrungen gemacht hat? Jemand, der noch nie gewandert ist, der geführt werden muss, sobald er die vertrauten Mauern des eigenen Dorfes verlassen hat?

In der Bibel steht, dass er sagt: „Rabbi, ich will, dass ich SEHEN kann!“ Mir kommt auch diese Antwort unwahrscheinlich vor. Es ist die Bitte, die ein Sehender äußern würde. Also – jemand, der wenigstens irgendwann einmal sehen konnte. Für einen Menschen, der sieht, ist die Vorstellung, blind zu werden, eines der schlimmsten Schicksale, die er sich denken kann.

Aber jemand, der von Geburt an blind war, der weiß, dass andere Sinne stellvertretend eintreten, wo die Augen fehlen. Durch das Gehör, durch den Tastsinn, sogar durch unterschiedliche Gerüche kann sich ein Blinder orientieren, durch sie hat er Zugang zu Informationen über seine Umwelt, die einem Sehenden verschlossen bleiben. Ein Blinder ist nicht „behindert“, nur „anders“. Er ist nicht beschränkter oder begrenzter als andere Menschen, aber er hat eine andere „Sicht“ der Welt und ein anderes inneres „Bild“ von dem, was ihn umgibt. Das nimmt ihm einiges von dem, was Sehenden selbstverständlich ist, aber es eröffnet ihm auch Möglichkeiten, von denen Sehende nur träumen können.

Darum halte ich es für unwahrscheinlich, dass der Blinde diesen Wunsch geäußert hat. In der Bibel wird erzählt, dass er nach der Begegnung mit Jesus sehen kann. Aber was eigentlich geschehen ist: Er – der ohne Hoffnung war – glaubt wieder an seine Zukunft, an eine Bestimmung, daran, dass sein Leben Sinn und Ziel hat; er kann wieder glauben, ein wertvoller Mensch zu sein – ein Mensch, den Gott gebrauchen kann und wird. Er kann sein eigenes Leben wieder wahrnehmen – dafür hat Jesus ihm die Augen geöffnet.

„Burn out“ heißt heute die Diagnose, wenn ein Mensch sich über dem alltäglichen Kampf selbst vergessen hat, wenn er kein Gefühl mehr hat für das, was er braucht, was er will, was ihm gut tut. Depression ist eine Krankheit, die einem Menschen den Kontakt zu sich selbst nimmt; er „funktioniert“ nur noch, ohne zu wissen, was er eigentlich tut; er „reagiert“ nur noch, ohne beurteilen zu können, ob seine Reaktionen überhaupt sinnvoll und angemessen sind. Solche Blindheit für die eigenen Bedürfnisse, für die eigenen Wünsche, Hoffnungen und Gefühle trocknet einen Menschen auf Dauer innerlich aus.

Sich selbst wieder „sehen“ zu lernen ist, was Depressiven helfen kann. Das ist aber oft ein langer und nicht ungefährlicher Prozess, denn sie müssen sich sozusagen selbst erst wieder kennen lernen, sich hinein fühlen in die eigene Persönlichkeit; lernen, dem eigenen Urteil zu vertrauen und an sich selbst und die eigenen Möglichkeiten zu GLAUBEN. In einem gewissen Sinn müssen sie auch wieder lernen, an GOTT zu glauben.

Von dem Blinden wird erzählt, dass er nach seiner Heilung das Dorf verlässt, dass er mit Jesus geht und einer seiner Jünger wird, einer seiner Schüler. Er macht sich mit ihm auf den Weg aus dem engen Gehäuse seines Alltags heraus in einen weiten Raum, dessen Grenzen er nicht kennt. Mut, Vertrauen, Leidenschaft und Lebenskraft – das ist, was Jesus dem blinden Mann zurück gegeben hat. Ein Wunder, ja. Durch den Glauben des Blinden konnte Jesus ihm seine Augen öffnen für seine eigene Kraft.

Heute beginnt die Fastenzeit, vierzig Tage, in denen Christen sich wieder besonders auf die Begegnung mit Gott vorbereiten. Eine Zeit, in der sie sich eine Veränderung ihrer Lebenshaltung zumuten. Buße tun – so hat man es früher genannt. Maßstäbe verändern und andere Werte setzen – so würde man vielleicht heute reden. Wieder ernst nehmen, was man sonst unter der Rubrik „Man müsste doch mal wieder…“ unterbringt und dann verdrängt. Bewusst leben! Eine Zeit für die Christen, in der ihnen vielleicht die Augen geöffnet werden und sie erfahren, dass Gott ihnen sehr viel näher ist, als sie bisher dachten…

Irgendwann kommt Amos wieder aus seinem Haus, um nach dem Blinden zu sehen. Aber er ist nicht mehr da. Die laute Wandergruppe ist vorbei gezogen. Und der Platz im Schatten, wo bisher tagein, tagaus der Blinde auf ein Almosen wartete, ist nun leer. Mitleid und Hilfe braucht der nun nicht mehr. Sein Leben hat sich gewandelt…
Amos schüttelt nur den Kopf. Er geht zurück in sein Haus und zieht die Tür langsam hinter sich zu.

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