4. Dezember 2016 * Gottesdienste am zweiten Adventssonntag

09.30 Uhr: Dorfkirche Waßmannsdorf

11.00 Uhr: Dorfkirche Selchow

Predigttext:

(Die Jünger fragten Jesus):

Was wird das Zeichen sein für dein Kommen und für das Ende der Welt?

Jesus aber antwortete und sprach zu ihnen: Seht zu, dass euch nicht jemand verführe.

Denn es werden viele kommen unter meinem Namen und sagen:

Ich bin der Christus, und sie werden viele verführen.

Ihr werdet hören von Kriegen und Kriegsgeschrei; seht zu und erschreckt nicht.

Denn das muss so geschehen; aber es ist noch nicht das Ende da.

Denn es wird sich ein Volk gegen das andere erheben und ein Königreich gegen das andere;

und es werden Hungersnöte sein und Erdbeben hier und dort.

Das alles aber ist erst der Anfang der Wehen.

Liturgische Texte für den 2. Sonntag im Advent

Eingangspsalm: Psalm 24
AT-Lesung: Jesaja 63,15-16 (17-19a) 19b; Jesaja 64,1-3
Epistel: Jakobus 5,7-8
Evangelium: Lukas 21,25-33 | Audio
Predigttext: Matthäus 24,1-14
Hallelujavers Psalm 96, 13b

Gib Dein Ziel niemals auf… – Vom Beten

Jesus sagte ihnen durch ein Gleichnis, dass sie allezeit beten und darin nicht nachlassen sollten:

In einer Stadt lebte ein Richter, der Gott nicht fürchtete und auf keinen Menschen Rücksicht nahm. In der gleichen Stadt lebte auch eine Witwe, die immer wieder zu ihm kam und sagte: Verschaff mir Recht gegen meinen Feind! Lange wollte er nichts davon wissen. Dann aber sagte er sich: Ich fürchte zwar Gott nicht und nehme auch auf keinen Menschen Rücksicht; trotzdem will ich dieser Witwe zu ihrem Recht verhelfen, denn sie lässt mich nicht in Ruhe. Sonst kommt sie am Ende noch und schlägt mich ins Gesicht.

Und der Herr fügte hinzu: Bedenkt, was der ungerechte Richter sagt. Sollte Gott seinen Auserwählten, die Tag und Nacht zu ihm schreien, nicht zu ihrem Recht verhelfen, sondern zögern? Ich sage euch: Er wird ihnen unverzüglich ihr Recht verschaffen. Wird jedoch der Menschensohn, wenn er kommt, auf der Erde (noch) Glauben vorfinden?

 

Seit einigen Jahren gibt es dafür eigene Fernseh- und Radiosendungen: Der Kampf einfacher Leute gegen die Trägheit der Verwaltungen und Ämter und den Starrsinn von Juristen und Politikern ist offensichtlich so interessant, daß Sendungen wie „Wie bitte?!“ und „Wir wecken die Behörden auf!“ anteilnehmende Zuschauer finden. Da wundert man sich dann und ärgert sich über die Schildbürgerstreiche von Lokalpolitikern, über Vermieter, die für Bruchbuden Horror-Mieten verlangen; und über Reiseveranstalter, die einen Traumurlaub auf die Baustelle verlegen… Vieles wird plötzlich möglich, wenn es in die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit gerät. Nicht selten hat manch kleiner Mann Erfolg mit der Drohung: „Ich werde mich an die Presse wenden, wenn sie meine Sache jetzt nicht schnell zu Ende bringen…“

Eine Geschichte dieser Art macht Jesus hier zum Gleichnis. Zu seiner Zeit gab es noch keine Presse, kein Radio, kein Fernsehen; aber offensichtlich gab es Leute, die sich selbst zu helfen wußten gegen Willkür und Ignoranz, so wie diese Witwe. Sie setzte dem Richter, der ihre Sache vertreten sollte und sie statt dessen auf die lange Bank schob, so zu, daß der schließlich Angst bekam. Immer und immer wieder plagte sie ihn, so daß er sagen mußte: „Wenn ich jetzt nicht bald etwas für sie unternehme, kratzt sie mir die Augen aus.“

Jesus erzählt dieses Gleichnis, um deutlich zu machen, daß man allezeit beten und nicht nachlassen und müde werden soll, schreibt Lukas dazu. In den Gemeinden seiner Zeit war Unmut laut geworden, um wenig zu sagen. Es waren viele Arme in der Gemeinde damals; und die Geschichte der Witwe, die den Richter wieder und wieder belagert, war ihre Geschichte, das kannten sie; bestimmt kannten sie auch die Versuchung, dem trägen und gleichgültigen Gegenüber eins aufs Auge zu drücken. Sollte Gott nun auch so sein; sie warten lassen?

Viele Menschen waren von Gott enttäuscht. „Wir beten, und er hört es nicht; wir rufen, und er sieht uns nicht an.“, so klagten sie. Sie warteten auf seine Wiederkunft. Hatte er nicht versprochen, er werde wieder kommen, sein Reich aufrichten und über seine Auserwählten herrschen, Gerechtigkeit schaffen und Frieden und ein Ende der Not? Warum läßt er sie dann so lange warten?

Ich kenne diese Enttäuschung, wenn meine Gebete scheinbar ungehört bleiben und wie Seifenblasen schon an der Zimmerdecke zerplatzen. Da ist ein Mensch allein und krank – und bleibt es. Gott hört nicht… Da ist Streit zwischen zwei Menschen, die ich mag – und sie tun sich weiter und weiter gegenseitig weh. Gott sieht mein Gebet nicht an. Wenn doch Gott so gern Gebet erhört – warum geschieht dann nichts?

„Hört genau hin, was der ungerechte Richter sagt!“ sagt Jesus; „Hört genau hin!“ sagt auch Lukas: Wenn schon dieser Richter, der doch Gott nicht fürchtet und der die Menschen so gering achtet, sich von dieser Hartnäckigkeit beeindrucken läßt – sollte nicht Gott viel mehr eure treuen Gebete hören, der euch doch liebt und euch erwählt hat? Ich sage euch: Er wird euch nicht lange warten lassen, sondern euch Recht schaffen in Kürze!

So schreibt es Lukas und möchte damit seiner Gemeinde in Zeiten der Verfolgung und der Not Mut machen, nicht zu verzweifeln, weiter zu beten, weiter auf Gottes Barmherzigkeit zu vertrauen. Ist es aber nicht nur Vertröstung? Eine Art geistliche „Durchhalteparole“ für die, denen Gott immer mehr wie der ungerechte Richter denn als liebender Vater erscheint?

Auf diese Fragen gibt es keine leichte und einfache Antwort. Wenn wir das Gleichnis Jesu als Ermahnung verstehen, einfach mehr, ausdauernder, beharrlicher zu beten, dann geben wir uns selbst die Schuld am Schweigen Gottes. Wir sagen uns selbst: Du hast nicht kräftig genug geglaubt, nicht treu genug gebetet – das aber ist Gesetz und nicht Evangelium. Dann wird dieses Gleichnis wirklich zu einem letzten Aufruf an unsere Kraft, unsere Treue, unseren Glauben – und zu einer Durchhalteparole für das Gebet.

Ich denke nicht, daß es so gemeint ist. Ich glaube nicht, daß Jesus das gewollt hat, daß wir unsere Bitten an Gott wie Gebetsmühlen immer wiederholen. Das Gebet ist kein Werk, keine gute Tat, die uns vor Gott gerecht machen kann. Das Gebet ist keine Beschwörung, die uns Macht über Gott gibt und Erhörung garantiert, wenn es nur kräftig genug ist…

Gott ist frei. Manchmal ist er zu uns wie der Freund, den man mitten in der Nacht noch wecken kann, wenn man ein Brot braucht, um überraschende Gäste zu bewirten. Manchmal rufen wir zu ihm, und er antwortet: „Siehe, hier bin ich!“ Aber er bleibt frei, und manchmal – ja, oft – hört er unsere Gebete, als hörte er sie nicht. Dann stehen wir hilflos in stummen Schweigen und fragen uns: Willst du nicht endlich hören? Kehre dich doch wieder zu uns, sein deinen Knechten gnädig!

In der Bibel wird Beten manchmal mit einem Kampf verglichen. Es ist ein Ringen mit Gott, wie Jakob am Jabbok kämpfte und zwischen den Zähnen knirschte: „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.“ Die Psalmen sind voll von diesem Rufen, diesem Klagen zu Gott: Wo bleibst du? Wann kommt deine Hilfe? Wie lange läßt du uns noch warten?

Ich bin mit meinen Gedanken noch lange nicht fertig. Hier steckt ein Problem, an dem ich selbst noch zu knapsen habe. Das Beten kommt in eine Krise, wenn Gott sich als abwesend, ja, als Feind erweist. Mein Gebet wird schlaff und mutlos, wenn es nicht Recht bekommt. Ich weiß zu wenig von diesem Schreien ins Unerhörte, das die Beter der Psalmen gewagt haben. Vielleicht ist das ja schon die Hilfe Gottes und die Zuwendung Gottes, die wir Suchen, das wir so ins Unerhörte schreien können, dürfen…

Meinst du aber, wenn des Menschen Sohn kommt – er werde Glauben finden auf Erden? So endet die Lesung heute – offen, mit einer Frage. Des Menschen Sohn kommt. Das ist nicht unsere Sache. er kommt auch ohne unser Gebet. Gott lockt uns aber – um mit Luther zu sprechen – Gott lädt uns ein, zu beten, daß er auch zu uns komme. Daß es Advent werde, weil Gott zu uns kommt in seiner Freiheit. Gott lockt uns, zu beten und zu warten. Im Glauben, den er bei uns finden möchte, wenn er kommt. Glauben aber ist geduldig, zäh und treu. Er kann warten – oder es ist kein Glaube.