Im Zweifel für den Glauben…

Foto: Palast des Zweifels (c) Lars Ramberg 2005 / Übernommen von Wikipädia

Zur Taufe gehört das Glaubensbekenntnis. Gemeinsam sprechen wir, was uns miteinander verbindet, hier in unserer Kirchengemeinde und mit der Gemeinschaft aller Christinnen und Christen der Welt; gemeinsam bekennen wir, was uns erst zu Christenmenschen macht, zu solchen, die ihr Vertrauen auf Gott setzen und von ihm Trost und Hilfe im Leben und im Sterben erwarten. Für jeden von uns erhoffen wir das – bei jeder Taufe sprechen wir es in der Zuversicht, dass der oder die Getaufte auch einmal diese Worte für sich entdeckt und den eigenen Glauben, die eigene Hoffnung und die eigene Liebe zu Gott in ihnen wieder findet.

Obwohl wir wissen, dass jeder von uns diese Worte mit anderen Inhalten füllt, mit seinen eigenen Gedanken färbt, mit der Melodie seiner eigenen Ideen klingen lässt – wir haben uns auf diese Worte geeinigt und spüren, wie sie als Symbol unserer Einigkeit taugen, wie sie unserem gemeinsamen Glauben die Sprache geben, wie sie uns aus dem ratlosen Schweigen heraus helfen, das uns nur zu leicht befällt, wenn jemand uns nach Gott fragt und etwas über die Dinge wissen will, die unserem Leben Sinn und Richtung und Ziel geben.

Auch mit der Hilfe unserer kirchlichen Tradition, auch mit den Worten unserer Mütter und Väter ist es nämlich oft genug unglaublich schwer, wirklich aus dem zu leben, was wir gemeinsam bekennen. Die kräftigen Worte allein helfen nicht weiter, wenn unser Herz nicht mitschwingt, wenn wir zwar mit mitreißenden Melodien vom Sieg des Lebens singen und doch im Innersten uns fürchten, dass unser Mut vielleicht nicht ausreicht, unser Glaube möglicherweise zu schwach ist und unsere Treue wie Glas zerbricht, sobald sie auf die Probe gestellt wird, in der Nacht, bevor der Hahn kräht…

Mit einer Art Ehrfurcht blicken wir auf jene, die ihr fester Glaube zu Vorbildern der Christenheit gemacht hat, wenn nicht zu Heiligen: auf Dietrich Bonhoeffer, der vor siebzig Jahren für seine Überzeugungen in den Tod gegangen ist, auf Menschen wie Albert Schweitzer, die ihr Leben der tätigen Nächstenliebe gewidmet haben, auf Menschen wie Papst Franziskus, an denen wir ernsthafte, tief empfundene Frömmigkeit bewundern – sind wir ihnen gegenüber nicht wie neugeborene Kinder, die noch nicht einmal die ersten Schritte aus eigener Kraft tun können?

Wiegt mein Glaube nicht noch weniger als das sprichwörtliche Senfkorn, wenn er scheinbar so folgenlos bleibt, dass mich nicht einmal jemand nach meinen christlichen Überzeugungen fragt?

 

Manchmal frage ich mich: Wenn ich in den Jahren gelebt hätte, in der Jesus noch unter den Menschen war, wenn ich das Wunder der Auferstehung selbst miterlebt hätte – würde es mir dann leichter fallen, an Gott zu glauben?

Die Evangelisten schreiben in ihren Berichten von Ostern, dass die Frauen, die vom Grab her kamen und den Jüngern begeistert erzählten, was der Engel ihnen gesagt hatte, keinen Glauben fanden. Sogar sie, die ihn jahrelang aus nächster Nähe erlebt haben, die seine Worte, seine Predigt selbst gehört haben und die mit eigenen Augen seine Wunder gesehen haben – sie konnten es nicht glauben, das er auferstanden sei, wie er gesagt hat.

Ein typisches, aber nicht das einzige Beispiel ist Thomas, der Jünger, der nicht bei den anderen war, als Jesus ihnen zum ersten Mal nach seiner Auferstehung erschien. Obwohl ihm alle anderen Jünger von ihrem einzigartigen Erlebnis berichteten, sagte er: „Wenn ich nicht selbst meine Hände in seine Wundmale legen kann und mit meinen eigenen Fingern die Wunde in seiner Seite fühlen kann, kann ichs nicht glauben.“

Maria Magdalena hielt ihn, den Auferstandenen, zuerst für den Gärtner. Die Jünger auf dem Weg nach Emmaus erkannten ihn erst nach Stunden, als er mit ihnen das Brot brach. Und auch als Jesus bei seinem Abschied die Mission in aller Welt anvertraute, als er sie für alle Völker der Welt zu Zeugen des Glaubens machte, heißt es im Matthäusevangelium „Etliche aber zweifelten…“

Das Sehen allein scheint nicht genug zu sein, um den Glauben zu wecken. Sie waren dabei, sie haben es selbst miterlebt – und zweifelten dennoch.

 

Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“ sagt Jesus, als Thomas sein Glaubensbekenntnis hinaus gestottert hatte, und meint damit nicht zuletzt uns. Wir sehnen uns danach, etwas zu haben, das unserem Glauben aufhilft, eine Erfahrung der Nähe Gottes, ein Zeichen, ein Wunder, eine Berührung, einen Hauch des Heiligen Geists – aber Jesus sagt: Freuen dürfen sich die, selig und fröhlich sind die, die nichts vor ihren Augen haben, glücklich dürfen die sein, die nichts Geifbares erfahren haben – und die dennoch glauben, sich trotzdem auf Gott verlassen, die trotzdem wissen, dass er an ihrer Seite ist, treu in guten wie in schweren Zeiten, und sie begleitet, behütet, hebt und trägt, auch wenn sie nichts davon spüren…

 

Ich denke, dass Glauben und Zweifeln zusammen gehören; ja, dass Glaube gar nicht echt sein kann ohne Zweifel. Glaube entsteht erst da, wo das Vertrauen auf die Probe gestellt wird.

Thomas sucht nicht die hellen Augen des Auferstandenen, nicht seinen lebendigen Atem, nicht seine liebevolle Umarmung: Er sucht seine Wunden, seine Verletzungen, die Zeichen seines Leidens und Sterbens. Er sucht die Zeichen der Gewalt, die man ihm angetan hat. Er sucht die Zeichen seines Leidens. Weil sie an ihm immer noch sichtbar sind, weil er sie immer noch an ihm fühlen kann mit seinen Fingern, darum glaubt Thomas. Ein auferstandener Christus, dem er seine Leidensgeschichte nicht mehr abspüren könnte, der hätte keinen Glauben in Thomas geweckt.

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