Peng! Du bist tot! – Eine Osterpredigt

Als ich gerade acht Jahre alt war, hatte ich einen Freund aus dem Nachbarhaus. Frank hieß er, er war noch sieben und ging in die erste Klasse. Er hatte so viele Sachen; eine elektrische Autorennbahn, eine riesengroße Taschenlampe, ein Fahrrad mit einer Hupe statt einer Klingel – das war so was von cool! Und das Allerbeste war: er hatte einen echten, lebendigen Hamster!

Ich hatte dafür ganz ganz viele Lego-Steine, ein kleines Transistor-Radio und viel Phantasie; und mit Frank konnte ich prima spielen. Wir waren Außerirdische oder Piraten, russische Geheimagenten oder mutige Entdecker auf Weltreise, wenn wir draußen waren; und wenn es regnete, spielten wir stundenlang drinnen. Und wenn wir keine Lust mehr hatten auf Lego oder die Autorennbahn, dann hörten wir Radio und streichelten den Hamster.

Und dann wurde es März, und wir gingen beide als Cowboys zum Karneval an der Schule. Frank war so stolz auf seinen Revolver mit Platzpatronen, damit schoß er und rief: „Peng! Du bist tot!“ Den meisten Leuten ging er damit ziemlich schnell auf die Nerven, aber er war mein Freund, darum tat ich ihn den Gefallen, immer ganz theatralisch zu sterben. Ich war nie gut als Schauspieler, aber theatralisch sterben war meine beste Rolle. Ich griff mir an die Brust, stöhnte laut, verzerrte qualvoll das Gesicht und ließ mich dann aus einer halben Drehung heraus zu Boden sinken, wo ich dann mit ein paar letzten Zuckungen „verendete“.

Beim ersten Mal war Frank ganz entsetzt. Was war das? Er hatte seinen besten Freund erschossen? Er kam zu mir gelaufen, schüttelte mich, zog mir an den Haaren, kitzelte mich und rief besorgt: „Bitte, sei doch wieder lebig!“ Da habe ich laut gelacht, stand auf und hab mich gestreckt; nein, ich war ganz lebendig, ich war nur stolz darauf, wie toll ich da sterben konnte. Ein paar Minuten war Frank böse auf mich, weil ich ihn so erschreckt habe, aber dann waren wir wieder gute Freunde.

Solche Sorgen hat er sich auch nur beim ersten Mal gemacht. Und wir haben noch ganz oft Cowboys gespielt, und immer wenn einer von uns erschossen wurde, hat ihn der andere wieder „lebig“ gemacht – ein paar Wochen lang war das unser Geheimwort.

Ich sehe heute schon die Mütter sorgenvoll schauen: „Was denn, der Pfarrer spielt mit Kriegsspielzeug, und schreibt davon sogar im Internet?!“ Ich kann nur sagen, dass es Frank und mir richtig viel Spaß gemacht hat und dass wir trotzdem nie auch nur daran gedacht haben, an unserer Schule Amok zu laufen…

Und dann kam der Tag, an dem der Hamster starb… Ich weiß noch, wie wir beide an dem großen Käfig saßen, darin lag das kleine tote Tier, und Frank weinte und wollte sich nicht mehr beruhigen lassen. Und als er unter Tränen „“Sei doch bitte wieder lebig!““ sagte, hab ich auch geweint. Diesen Hamster konnte nichts mehr lebendig machen… Wir haben ihn am nächsten Tag im Park beerdigt, mit einer knallroten Schuhschachtel als Sarg, und haben ein Kreuz aus zwei Stöcken darüber gestellt, wie wir es vom Friedhof kannten.

Damals haben wir beide zum ersten Mal wirklich etwas davon verstanden, was der Tod ist. Dass man etwas aus der Hand geben muss, was man liebt. Dass man nicht mehr streicheln kann. Dass man nicht mehr von zwei schwarzen Knopfaugen angeguckt wird. Und dass, was tot ist, nicht mehr „lebig“ wird.

Ein Kreuz haben wir auf das Hamster-Grab gestellt. Damals war ich noch nicht so oft in der Kirche, aber ein Kreuz gehört auf ein Grab, das wusste ich auch damals schon. Aber warum?

Die meisten Leute denken, das Kreuz ist ein Zeichen des Todes. Weil es oft auf Gräbern steht. Weil es in den Traueranzeigen in den Zeitungen neben dem Datum steht, an dem jemand gestorben ist. Und weil Jesus an einem Kreuz gestorben ist.

Aber in der Kirche bedeutet das Kreuz etwas anderes: Es ist ein Zeichen des Lebens, des Sieges über den Tod. Weil Jesus nicht tot geblieben ist. Er ist gestorben, aber er ist auferstanden. Als die Frauen morgens zum Grab kamen, um nach Jesus zu sehen, fanden sie nur einen Engel. Der sagte: „Er ist nicht hier, er ist auferstanden. Und ihr werdet ihn wieder sehen.“ Mein Freund Frank hätte gesagt: „Er ist wieder lebig geworden“.

Normalerweise denken wir: Wer tot ist, der bleibt tot und wird nicht wieder lebendig. Wir sagen: „Das Leben muss weiter gehen…“ und versuchen, zu vergessen, was wir verloren haben, damit es uns nicht belastet und traurig macht.

Aber wenn Menschen an Gott glauben, haben sie die Hoffnung, dass der Tod am Ende nicht Recht behält. Dass auch wir leben werden, so wie Jesus Christus lebt. Dass wir zwar die Menschen aus der Hand geben müssen, die wir lieben, und sie nicht mehr streicheln können und sie uns nicht mehr aus hellen Augen ansehen. Dass sie aber in Gottes Hand bleiben, dass er sie weiter liebt und für sie sorgt und ihnen gibt, was sie geglaubt und erhofft haben: das ewige Leben.

Kinder wissen das oft besser als die „Großen“, die sich so gern so viele Sorgen machen. Sie finden auch dann die richtigen Worte, wenn selbst einem Pfarrer nichts mehr einfällt. Einer Freundin ist vor ein paar Jahren der Vater gestorben. Er war Hausmeister in einer Kita, und die Kinder mochten ihn sehr. Als meine Freundin damals in der Kita zu Besuch war, sagte eins der Kinder zu ihr: „Weine nicht, dein Papa ist jetzt im Himmel. Ich glaube, Gott hat einfach einen netten Hausmeister gebraucht.“

Das hat sie getröstet.

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